Alleinerziehende Hundemutter sucht für Ihre Welpen wesensfeste Adoptiveltern

Beim Züchten sind nicht die Hunde das Problem, sondern jene oft durch und durch naiven Mitmenschen, die um die Welpen buhlen. Das Gefühls-Chaos im Welpenauslauf angesichts einer pflichtbewussten und instinktsicheren Zuchthündin wird hier beschrieben.

„Was hat er seiner Mutter denn bloß getan?"

Züchter treffen leider nicht immer auf wesensfeste Welpeninteressenten. Während für den Einsatz eines Deckrüden statt Alimenten eine saftige Decktaxe fällig wird, verweigern die meisten Hundeväter schon aus rein organisatorischen Gründen ihre Mithilfe bei der Kindererziehung. Diese bleibt deshalb alleine an den doppelt belasteten Hundemüttern hängen, falls keine pädagogisch talentierten Mitkandidaten ihr heimisches Refugium teilen. Und eine gute Zuchthündin hat alle Pfoten voll zu tun, um ihren Sprößlingen Manieren beizubringen! Beobachter könnten so viel fürs Hundeleben lernen, würden da nicht die mitleidigen, überbesorgten Zweibeiner, die mit Schmackes vorgetragenen Erziehungslektionen völlig mißverstehen. Das so manche Hündin angesichts des Possenspiels im Welpenauslauf nicht das Handtuch wirft und nach dem nächsten Belegen aus Trotz leer bleibt, grenzt an ein Wunder. Würde man der Mutterhündin diesbezügliches Mitspracherecht bei der Auswahl von Welpenkäufern zugestehen, könnten wohl so manche Würfe gar nicht komplett vermittelt werden und müßte folglich lebenslänglich im "Hotel Mama" unterkommen. Es folgt eine Fallbeschreibung, wie sie in allen Züchterhaushalten auf dem Globus denkbar wäre:

Wesenstest mit Hindernissen

"Bevor ich mich für einen Welpen aus Ihrer Zucht entscheide, möchte ich mich erst von der Wesensfestigkeit Ihrer Mutterhündin überzeugen. Ich suche nämlich einen Junghund mit einem erstklassigen, weit überdurchschnittlichen Charakter und daran hat ja das Verhalten der Mutterhündin maßgeblichen Anteil, wie man heute weiß."

Ein männlicher Welpe war noch nicht vergeben. Bitte sehr, der Besuchstermin mit dem Anrufer Dr. Dr. H. R. nebst Gattin wurde festgelegt und der selbsternannte Hundekenner zum Kaffeetrinken in den Auslauf bestellt. Dort erlebte gerade einer der putzmunteren, siebeneinhalb Wochen alten, rotzfrechen Welpen - sein blaues Wunder! Die Mutterhündin hatte es heute auf ihren kecken Sohnemann "Möchtegern" abgesehen. Dieser sprintete in wilden Hechtsprüngen durch den wenig idyllischen, mit pädagogisch wertvoller Prägungsausstattung voll gestopften Abenteuerspielplatz, bei dessen Anblick Uneingeweihte notgedrungen an eine "Der- grüne -Punkt- Restmüll- Deponie" denken mußten. Der gejagte "Möchtegern" huschte in den schwarz- weiß- gestreiften Kriechtunnel aus der Kinderabteilung des bekannten schwedischen Möbelhauses (Wohnst du noch, oder rennst du schon?). Doch da paßte Muttern auch gerade noch mit Affenzahn hindurch, was das gute Stück auf halber Strecke mit einem dumpfen Knall zum Platzen brachte und zum Reklamationsfall werden ließ. Wobei die Art der Beanspruchung natürlich wohlweislich verschwiegen werden  würde. Die Nahtqualität hatte für den beleibten Sohn des Hauses eben einfach nicht gereicht. Kurz bevor die Hündin ihrem Söhnchen einen dreifachen Rittberger abverlangen und anschließend in die Flunder-Stellung zwingen konnte, rettete sich der Gehetzte in Dr.- Kimble- Manier in einen auf der Seite liegenden leeren Palmentopf und schoß daraus vor und zurück wie eine giftige, mit Rasierklingen im Maul gespickte Muräne. Das ermunterte seine pflichtbewußte Frau Mama zu noch heftigeren Bellattacken, blitzenden Gebißdemonstrationen und funken sprühendem Augenrollen! Doch diese Lektion war nicht beendet, solange der verfolgte Welpe nicht die Waffen streckte und mit dem erhobenen weißen Laken "Ich ergeb mich" signalisierte. Also wieder raus und ins nächste Versteck gehechtet, das Muttermonster immer dicht auf den Fersen!

Das total perfekte Chaos

Am Kaffeetisch war derweil der bis dahin gar nicht unsympathische Smalltalk völlig verstummt, denn das Getöse hatte eine Lautstärke angenommen, die dem Startbahnflair eines bundesdeutschen Großflughafens zur Hochsaison alle Ehre machte. Schon ging die Raserei weiter! Die "tollwütige" Route des ungleichen Duos kreuzten unglücklicherweise die Koordinaten des üppig gedeckten Teakholztisches. Pfirsichtortenboden und Linzer Torte wurden stückweise inklusive ihrer Sahnehäubchen in hohem Bogen von den Tellern katapultiert. Sofort schoß Uroma Hund Lucky unterm Stuhl hervor und verschlang eifrig die aus heiterem Himmel gefallenen, köstlichen Kuchenbomben, ihre Hygienepflichten sehr ernst nehmend. Die Besucher wischten sich mit säuerlicher Miene zeternd den Milchkaffee vom für einen Welpenbesuch viel zu feinen grauen Zwirn, wobei die emsige Zuchtrentnerin (Lucky) gerne mit feuchter Zunge auf dem ruinierten Faltenrock Frau R.´s nachhalf und fragten die Züchterin mit bebender Stimme: „Was hat der arme, kleine Rüde (Möchtegern) seiner Mutter denn bloß getan?"  „Gar nichts, außer..." wollte die Züchterin gerade ansetzen. „Danke, so haben wir uns eine gute Aufzucht mit nervlich intakter Zuchthündin keineswegs vorgestellt. Die hat ja eine manifestierte Wesensschwäche! Guten Tag!"                                                                   

Auf ein Neues!

Ende eines Plüschhasen. Am nächsten Tag zur selben Zeit. Welpeninteressentin G. H. war mit ihrem Gatten Harald eingetroffen, im Arm einen riesengroßen, überaus niedlichen, sündhaft teuren Plüschhasen als Mitbringsel für die Welpen, von denen vielleicht einer bald bei der Familie einziehen würde. Kaum saß die Gesellschaft am Tisch im Welpenareal, wurde die Gabe mit einem Säuseln und süßem Lächeln mitten in die interessierte Geschwisterrunde auf den Boden gelegt:„Putzileins, nun spielt schön mit dem Hasili, ist extra weicher Softplüsch und mit ökologisch gewonnener, ungebleichter Baumwolle gestopft!"                                                                                                         Gerade wollte die das Unglück ahnende Züchterin eingreifen, da preschte die Mutterhündin wie ein hungriger Habicht auf Meisenjagd um die Hausecke, ergriff die Beute, legte sich mit dem Objekt der Begierde auf eine erhöhte Holzpalette, begann zielsicher, Augen und Nase abzutrennen und anschließend die Bauchdecke des Plüschtiers zu eröffnen. Begeistert näherte sich die Kinderschar mit "Wir auch! Wir auch!"- Geschrei, wurde aber mit gefletschten Zähnen und bergwerktiefem Grollen in Schach gehalten. Im Halbkreis um die resolute "Geschenkvernichterin" sitzend, blieb den Welpen nur die Liveübertragung mit gehörigem Sicherheitsabstand aus der ersten Reihe.

Unterlassene Hilfeleistung

"So tun Sie doch endlich waaaaas!" kreischte unterdessen die "Bis- dato- Welpeninteressentin" in hysterischem Mezzosopran. "Der arme Hasili war für die Welpen zum lieben Kuscheln bestimmt! Er gehört meiner fünfjährigen Tochter Klara-Sophie, die ihn tapfer extra für die Welpen spendete, und jetzt das! Wie soll ich das meiner Kleinen nur erklären? Das ist doch ein Trauma und ein Fall für den Kinderpsychologen!"

Das Trauma, welches sie meinte, bestand darin, daß gerade akribisch mit den Schneidezähnen Plüschgedärm in den Auslauf befördert wurde. Die Menge gestopfter Oköbaumwolle erwies sich als solide und bescherte der erfreuten Zuchthündin das Gefühl, beim Ausweiden von Wollpansen ganze Arbeit zu leisten. "Ich nähe den armen Hasili, besorge neue Äuglein und komme morgen wieder. Dann kuscheln aber wirklich nur die Welpen damit, und meine Tochter bekommt ihren geliebten Hasen geflickt, aber dennoch lebendig zurück",

schluchzte die mitleidige Frau H., immer noch geschockt vom Stofftiermassaker. Sie traute sich aber nicht, die unsauber abgerissenen Plüschfetzen im Umkreis der immer noch hochkonzentriert beschäftigten Hundemutter einzusammeln. „Ich glaube, das hat gar keinen Sinn, lassen Sie mal gut sein...", murmelte die nervlich angeschlagene Züchterin. Stattdessen wurden Frau H. ihre Hasenreste zur würdevollen Schuhkartonbeisetzung in einer Plastiktüte mitgegeben. Man hörte nie wieder von einander.

Ein Hoffnungsschimmer

Marianne N. hieß der nächste Versuch. Hatte etwas Hundeerfahrung und staunte wie durch ein Wunder überhaupt nicht, als ihr mitgebrachter Megabüffelhautknochen Stückchen für Stückchen einzig und allein im Schlund der Hundemutter verschwand und den gierigen Welpen nur das Zuschauen blieb.

"Klar, sie setzt deutliche Tabus und erlaubt den Lumpis deshalb nicht, sich zu nähern. Respekt muß sein, das ist doch klar, sonst gibt es Saures. So lernen die Welpen, bedrohliches Ausdrucksverhalten ernst zu nehmen und später einem anderen Hund, der auch entschieden grollt, nicht ins offene Messer zu laufen. Ich habe darüber in einer Hundezeitschrift gelesen." Die extrem verkrampfte Körperhaltung der Züchterin entspannte sich schlagartig, und eine gesunde Gesichtsfarbe floss wie rosarote Tinte zurück in ihre Wangen. "Endlich mal jemand, der unsere gute Hundemutter richtig versteht", seufzte sie und schenkte beglückt Kaffee nach. Interessentin N. war vom Wurf begeistert und bekam einen tiptop vorerzogenen Welpen versprochen.

Unerwarteter Rückfall

Doch die Begeisterung über so viel Kompetenz sollte bald wieder verpuffen: Bei der Abholung, den hübschen Rüden im Arm, drehte sich die Welpenkäuferin in der Haustür eine Woche später noch einmal um: "Und in vier Monaten machen wir dann ein Junghundtreffen mit dem ganzen Wurf, sagten Sie? Schööön, da wird sich die Hundemutter aber riesig freuen, endlich ihre Kinder wieder zu sehen. Sie will ganz sicher jeden einzelnen freudestrahlend ablecken und heftig wedelnd begrüßen! Bestimmt hat sie ihr eigen Fleisch und Blut bis dahin ganz, ganz toll vermißt!"

Der Züchterin wurde schwarz vor Augen. Vermißt? Die ganze Kinderschar würde von ihrer Mutter zu Anfang des Wiedersehens verhauen werden und auf dem Rücken im Acker landen. Sie wusste es. Das war normal. So lief es immer ab. Nachdem sie sich vom liebevoll aufgezogenen Welpen verabschiedet hatte, schloß die Züchterin schwer atmend die Tür und klopfte mit einem tiefen Seufzer ihre im Wohnzimmer liegende Alleinerziehende. "Was sagst du dazu, mein Schatz?" keuchte sie. Und sie schwor noch nach Jahren, daß die Hündin sich daraufhin als Antwort energisch mit der Pfote an den Kopf getippt hatte.